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Sammelwut: "bitte lächeln" - Kabinettfotos

     

Heutzutage hat wohl jedermann eine Kamera – mit jedem halbwegs modernen Handy kann man ja Bilder schießen (wieso eigentlich gibt’s noch keinen Fotoapparat, mit dem man telefonieren kann?). Das Bildermachen ist auch denkbar einfach, man hält sein Handy ungefähr in die Richtung, in der sich das Objekt oder die Person befindet, die man ablichten will, drückt drauf, und ohne dass man sich Gedanken über Belichtungszeit, Blende oder Blitz machen muss, entsteht eine Aufnahme, die man schon wenige Augenblicke später auf Internet Plattformen wie Facebook oder Twitter veröffentlicht findet. Es gibt sogar schon Geräte, die selbstständig auslösen, wenn eine anvisierte Person lächelt!

Vor gut 100 Jahren war das ganz anders. Fotoapparate waren riesengroß, sauschwer und ebenso teuer. Sie waren nach dem Prinzip der Laterna Magica gebaut und bestanden aus einem Holzgehäuse, das die mit einer lichtempfindlichen Silberbromid beschichtete Glasplatte aufnahm, vorne an einem ausziehbaren Lederbalg saß das Objektiv mit Blende und Auslösung. Auf der Glasplatte entstand durch Belichtung ein Negativ, das durch Entwickluns- und Fixierbäder herauskristallisiert und stabilisiert wurde. Davon konnten dann Positivabzüge gemacht werden, die genau so groß waren wie die Platte selbst.

Deshalb hatten die Kameras unterschiedliche Größen, sie mussten ja verschieden große Platten aufnehmen. Reisekameras, die man mit sich führen und in der Hand halten konnte, waren selten, und machten zudem nur sehr kleine Fotos. Studiokameras waren wesentlich größer, mussten auf einem stabilen Stativ befestigt sein, und daraus entstanden Fotos ungefähr in der Größe unserer heutigen Postkarte. Es gab aber auch wesentlich größere Kameras, die größte musste auf einem Eisenbahnwagon befördert werden, sie wurde zur Herstellung einer einzigen Aufnahme angefertigt!

Dazu muss man wissen, dass man diese lichtempfindlichen Platten nirgendwo kaufen konnte, die chemische Schicht musste der Fotograf selbst auftragen (daher gab es bis weit in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die Berufssparte des Fotodrogisten, Foto-Drogerien findet man vereinzelt ja heute noch) . Auch die Entwicklung der Platte und Anfertigung des Positivabdrucks (heute würde man Kontaktkopie dazu sagen) nahm er selbst vor. Und er musste mit seiner Kamer umgehen können, musste genau Bescheid wissen über Zeit und Blende, und er musste ein Künstler sein, der mit dem Licht umgehen konnte (schließlich heißt das aus dem griechischen stammende Wort Fotografie ja nichts anderes als „mit Licht malen“) und der wusste, wie er die Schokoladeseite seiner Kunden herausarbeiten konnte.

Die Produkte der Tätigkeit der Fotografen, die damals die Portraitmaler ablösten, stellen heute unter dem Begriff „Kabinettfoto“ ein eigenes Sammelgebiet dar. Die Fotos aus dieser Epoche sind auf festem Karton gedruckt, der gleichzeitig einen Rahmen darstellt, der das Bild noch ansehnlicher macht. Auf diesem Rahmen ist - ähnlich wie heute bei Designer -Shirts – der Name und das Logo des Herstellers, bzw. des Studios, aufgedruckt. Noch mehr Information findet man auf der Rückseite, die der Fotograf für plakative Werbung nutzte: Name, Adresse, Logo in Form einer Jugendstil Grafik, häufig auch eine Bestellnummer, manchmal auch das Jahr, in der die Aufnahme entstanden ist. Und, für Sammler besonders interessant, manchmal hat der Auftraggeber oder Besitzer der Aufnahme handschriftliche Ergänzungen hinterlassen: Name der abgebildeten Person, das Datum, sonstige Ergänzungen - wir haben hier ein paar der Rückseiten abgebildet, um sie zu sehen, brauchen Sie nur mit der Maus über die Bilder zu fahren …

Sich Fotografieren zu lassen, war früher nichts alltägliches, die Mehrzahl der Bevölkerung konnte sich das nicht einmal leisten. Der Gang zum Fotografen war auch etwas besonderes und meist mit einem Anlass verbunden: Hochzeit, Geburtstag, Graduation, vielfach findet man auch Fotos von jungen Männern in Uniform, meist mit Orden dekoriert: einen Beförderung zog meist den Gang ins Studio mit sich – schließlich wollte man mit dem nächsten Brief von der Kaserne in die Heimat seine Angehörigen vom Aufstieg informieren und mit einem Foto imponieren. Häufig ließen sich auch stolze Radler mit ihrem Drahtesel abbilden, denn auch der Besitz eines Fahrrads war nichts alltägliches (dass in diesem Kaleidoskop unverhältnismäßig viele Velozipedistenfotos ausgestellt sind, liegt aber daran, dass der Autor dieses Berichts diesen speziellen Foto-Sammelzweig nur als Nebeneffekt zu seiner eigentlichen Sammeltätigkeit als Fahrradspezialist betreibt).

Einen pekuniären Wert, der sich in mehrstelligen Eurobeträgen ausdrücken ließe, haben diese Bilder ja nun nicht, dazu gibt es zu viele. Man findet sie ganz leicht auf Flohmärkten, im Internet, auf Online-Versteigerungsplattformen. Aber sie zu betrachten ist interessant, weil sie ein Fenster in die Vergangenheit aufmachen. Allein wenn man die hier abgebildeten Beispiele betrachtet, erfährt man, dass sich der damals sehr berühmte Volksschauspieler Alexander Girardi gerne unters Volk mischte, wenn er die Sommerfrische im Salzkammergut verbrachte, und dabei heimische Tracht trug (Foto ganz oben links), …

… dass seine Majestät der Kaiser sogar im Studio nicht gerne direkt in die Kamera blickte, dass Fotograf damals ein sehr angesehener Beruf gewesen sein muss, und damals wesentlich mehr Studios hier im Feriendomizil der Wiener High Society Beschäftigung fanden als heute, dass deshalb sogar Fotografen sowohl in Wien als auch in Ischl ein Atelier unterhielten (und die gemalten Hintergründe, die häufig Landschaftsszenarien aus unserer Heimat darstellten, austauschten) und mit der kaiserlichen Begleitung mitzogen, und dass der bekannte Ischler Porträtist Hofer früher auch in Bad Aussee eine Niederlassung betrieb.

Auch die These, dass früher alles besser und schöner gewesen sei, kann man anhand der Bilder in Frage stellen, wenn man den abgebildeten Personen ins Gesicht blickt (ohne jemanden aber direkt beleidigen zu wollen) Dafür gewinnt man einen Einblick nicht nur in die damalige Haute Coutur allgemein, sondern auch in die Haar- und Bartmode. Und wir sehen, weshalb Kinderfotografie zu den schwierigsten Herausforderungen eines Berufsfotografen zählte: weil die Verschlußzeiten, die für eine exakte Belichtung der Platten notwendig waren, sehr lange ausfielen, mussten die porträtierten Personen verborgenen Nackenstützen, die den Kopf in Position hielten. Kinderportraits waren aber meist etwas verwackelt …

   

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